Warum Kunststoffkomponenten immer intelligenter werden

Wenn Unternehmen über intelligente Produkte nachdenken, richtet sich die Aufmerksamkeit oft auf den Sensor, den Chip oder die Konnektivität, die hinzugefügt werden. Das ist verständlich: Elektronik ist greifbar und steht oft im Mittelpunkt der Diskussion. Der Bereich, in dem diese Elektronik mit dem sie umgebenden Kunststoff zusammenkommt, bleibt daher oft im Hintergrund.

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Authors

  • Thijs Feenstra

    PEZY

Kunststoffteile werden nicht dadurch „intelligent“, dass man ihnen einzelne Elektronikbauteile hinzufügt, sondern indem man ihre Funktionen von Anfang an als eine einheitliche Produktarchitektur konzipiert.

  • Techniken wie „In-Mould-Electronics“ ermöglichen es, Sensoren, Antennen und Beleuchtung hinter einer geschlossenen Oberfläche zu integrieren.
  • Weniger Einzelteile bedeuten nicht weniger Komplexität: Geometrie und Materialauswahl bestimmen unmittelbar die Leistungsfähigkeit der Elektronik.
  • Nur durch die frühzeitige Vernetzung verschiedener Disziplinen und eine schrittweise Validierung wird ein intelligentes Produkt auch zuverlässig und realisierbar.

LLange Zeit wurde ein Kunststoffbauteil in erster Linie als äußere Hülle eines Produkts betrachtet. Es verlieh ihm Form, schützte die Technik und spielte eine wichtige Rolle bei der Gestaltung seines Erscheinungsbildes. Die „Intelligenz“ lag woanders: auf einer Leiterplatte, in der Software oder in einem separaten Sensor.

Diese Unterscheidung verschwindet allmählich. Sensoren, Antennen, Beleuchtung, Touch-Bedienelemente und leitfähige Verbindungen werden näher am Kunststoff positioniert oder sogar in das Bauteil selbst integriert. Dadurch wandelt sich Kunststoff von einem passiven Gehäuse zu einem funktionalen Bestandteil des Gesamtsystems.

Diese Entwicklung macht Produkte kompakter, benutzerfreundlicher und besser vernetzt. Gleichzeitig erfordert sie einen anderen Entwicklungsansatz. Mechanik, Kunststofftechnik, Elektronik und Software können nicht mehr nacheinander entworfen werden. Sie müssen von Anfang an als eine einzige Produktarchitektur betrachtet werden..

Vom Gehäuse bis zur Funktionskomponente

Bei vielen Produkten bildet Kunststoff die wichtigste Schnittstelle zwischen dem Nutzer und der Technologie. Er ist die Oberfläche, die der Mensch sieht, in der Hand hält und bedient. Gleichzeitig befindet er sich in unmittelbarer Nähe zu Sensoren, Elektronik, Lichtquellen und Antennen. Dadurch hat das Kunststoffbauteil einen immer größeren Einfluss auf die Funktionalität des Produkts.

Dabei spielen die Materialeigenschaften eine entscheidende Rolle. Kunststoffe bieten große Gestaltungsfreiheit und sind in der Regel leicht und elektrisch isolierend. Je nach gewähltem Material, Wandstärke, Farbstoffen und eventuellen Beschichtungen können sie zudem Licht oder Funksignale durchlassen. Dies ermöglicht es, Funktionen hinter einer geschlossenen Oberfläche zu integrieren, ohne sichtbare Tasten, Öffnungen oder separate Bauteile.

Auch die Fertigungstechniken entwickeln sich in diese Richtung. Bei der „In-Mould Electronics“ werden beispielsweise leitfähige Strukturen und elektronische Funktionen auf eine Folie aufgebracht und anschließend in ein Kunststoffbauteil integriert. Die Forschungsorganisation VTT verfügt mittlerweile über Produktionslinien für in Kunststoff integrierte und strukturelle Elektronik. Eine aktuelle wissenschaftliche Übersicht beschreibt diese Technologie als Weg zu leichten, formschlüssigen und multifunktionalen Kunststoffbauteilen.

Die Integration von Elektronik verändert die Produktarchitektur

Bei einem herkömmlichen Produktdesign werden die verschiedenen Funktionen als separate Komponenten zusammengefügt. Ein Kunststoffgehäuse, eine Leiterplatte, Tasten, Kabel, Lichtleiter, Dichtungen und Befestigungselemente bilden zusammen das Endprodukt. Jede Komponente bringt zusätzliches Material, Toleranzen, Montagevorgänge und potenzielle Fehlerquellen mit sich.

Durch eine intelligentere Integration der Funktionen lässt sich diese Architektur vereinfachen. So kann beispielsweise eine Kunststoffoberfläche gleichzeitig eine strukturelle Funktion erfüllen, als Benutzeroberfläche dienen und für Beleuchtung sorgen. Eine Antenne kann Teil der dreidimensionalen Form werden. Ein Sensor kann näher an der Stelle positioniert werden, an der tatsächlich Messungen vorgenommen werden müssen. In manchen Anwendungen lassen sich Kabel, Stecker und separate Halterungen einsparen.

Dies kann zu weniger Bauteilen, einem geringeren Einbauraum, geringerem Gewicht und weniger Montageaufwand führen. Zudem ergeben sich neue Möglichkeiten für das Design und die Bedienung von Produkten. Beleuchtungs- und Berührungsfunktionen müssen nicht mehr als separate Elemente am Produkt angebracht werden, sondern können Teil der Oberfläche selbst werden.

Die richtige Lösung ist jedoch nicht immer eine maximale Integration. Manchmal bleibt ein separates und austauschbares Elektronikmodul aus technischer, wirtschaftlicher oder kreislaufwirtschaftlicher Sicht die bessere Wahl. Entscheidend ist daher nicht, wie viel Elektronik in den Kunststoff integriert werden kann, sondern welche Produktarchitektur das beste Gleichgewicht zwischen Funktionalität, Zuverlässigkeit, Herstellbarkeit, Wartbarkeit und Kosten bietet.

Ein intelligentes Produkt ist mehr als nur ein Produkt mit einem Sensor

Das bloße Hinzufügen eines Sensors macht ein Produkt noch nicht automatisch „intelligent“. Dazu müssen die gemessenen Daten in eine relevante Aktion, Rückmeldung oder Entscheidung umgewandelt werden. Ein Produkt wird erst dann wirklich intelligent, wenn Erfassung, Verarbeitung und Reaktion logisch miteinander verknüpft sind.

Beispielsweise kann ein medizinisches Gerät erfassen, ob es korrekt verwendet wird. Ein Konsumprodukt kann messen, wie oft es genutzt wird, und anzeigen, wann eine Wartung oder das Nachfüllen erforderlich ist. Eine Industriekomponente kann Temperatur, Druck oder Vibrationen überwachen und eine Warnung ausgeben, wenn die Leistung von der Norm abweicht. In all diesen Fällen wird der Mehrwert nicht durch den Sensor selbst geschaffen, sondern dadurch, was das Produkt mit den Informationen macht.

Laut NIST besteht ein IoT-Produkt aus mehr als nur dem physischen Gerät. Auch Netzwerkverbindungen, Anwendungen, Gateways und Backend-Systeme können Teil des Produkts sein. Damit wird deutlich, warum die Entwicklung intelligenter Produkte nicht damit endet, einfach nur Elektronik in ein Gehäuse einzubauen.

Das Internet der Dinge verlängert die Lebensdauer des Produkts über den Verkauf hinaus

Die Vernetzung eines Produkts mit dem Internet schafft einen kontinuierlichen Informationsfluss zwischen dem physischen Produkt und der digitalen Umgebung. Sensordaten können aus der Ferne überwacht, analysiert und zur Auslösung einer Aktion genutzt werden. Die Europäische Kommission nennt unter anderem Überwachung, Erkenntnisse und Reaktionen anderer vernetzter Geräte als zentrale Anwendungsbereiche des IoT.

Dies verändert auch die Beziehung zwischen dem Hersteller und dem Produkt. Während ein herkömmliches Produkt nach der Auslieferung weitgehend aus dem Blickfeld verschwindet, kann ein vernetztes Produkt während seiner gesamten Lebensdauer weiterhin Informationen liefern. Dies bietet Möglichkeiten für zustandsorientierte Wartung, besseren Support, Softwareverbesserungen und neue Dienstleistungen. Nutzungsdaten können zudem wertvolle Anhaltspunkte für die nächste Produktgeneration liefern.

Diese Chancen bringen jedoch auch Verantwortlichkeiten mit sich. Es müssen Entscheidungen darüber getroffen werden, welche Daten erfasst werden, wo sie verarbeitet werden, wie lange Software unterstützt wird und wie Updates sicher durchgeführt werden. Der Europäische Cyber-Resilienz-Akt legt daher Cybersicherheitsanforderungen für die Planung, Konzeption, Entwicklung und Wartung von Produkten mit digitalen Elementen fest. Intelligente Produkte erfordern somit nicht nur Produktentwicklung, sondern auch die Verantwortung für den digitalen Lebenszyklus.

Weniger Komponenten bedeuten nicht automatisch weniger Komplexität

Die funktionale Integration kann die Endmontage des Produkts vereinfachen, führt jedoch während der Entwicklung zu neuen Abhängigkeiten. Die Leistungsfähigkeit elektronischer Bauteile wird direkt von der Geometrie, der Materialauswahl und dem Herstellungsverfahren des Kunststoffbauteils beeinflusst.

Ein Sensor muss nicht nur passen, sondern auch in der Lage sein, Messungen in der richtigen Position und unter den richtigen Bedingungen durchzuführen. Eine Antenne muss umgebende Materialien, Metallteile und die Position des Benutzers berücksichtigen. Elektronik erzeugt Wärme, während das Gehäuse oft auch Staub und Feuchtigkeit fernhalten muss. Leitfähige Tinten, Folien, Klebstoffe und Bauteile müssen beständig gegen Verformung, Spritzdruck, Temperaturschwankungen und Langzeitbeanspruchung sein.

Die wissenschaftliche Literatur zur In-Mould-Elektronik identifiziert daher unter anderem Materialverträglichkeit, Verformung, Haftung, Prozessfehler, Zuverlässigkeit, Qualitätssicherung und industrielle Skalierbarkeit als zentrale Problemfelder. Die Intelligenz des Produkts stellt somit höhere Anforderungen an die interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Intelligenz beginnt bei der Kunststoffarchitektur

In einem sequenziellen Entwicklungsprozess wird häufig zunächst die Elektronik entworfen und anschließend ein Kunststoffgehäuse gefertigt, in das alles hineinpassen muss. Bei einfachen Produkten kann das funktionieren. Sobald jedoch Sensoren, Antennen, Beleuchtung, Bedienelemente und Konnektivität Teil des Benutzererlebnisses werden, kommt es fast immer zu Wechselwirkungen zwischen den Disziplinen.

Die Position eines Sensors beeinflusst die Form des Bauteils. Der benötigte Platz für die Antenne beeinflusst das interne Layout. Die Lichtverteilung stellt Anforderungen an Material, Oberfläche und Wandstärke. Die Wärmeentwicklung beeinflusst die Belüftung, die Konstruktion und die Abdichtung. Auch Montage, Testbarkeit und Wartung müssen bereits bei diesen Entscheidungen berücksichtigt werden.

Deshalb müssen die wichtigsten Systemfragen frühzeitig beantwortet werden. Welche Informationen muss das Produkt erfassen? Welche Funktion bietet einen nachweisbaren Mehrwert für den Nutzer? Wo müssen Sensoren und Aktoren angebracht werden? Wie werden die Elektronik mit Strom versorgt und angeschlossen? Welche Bauteile müssen austauschbar bleiben? Und wie wird das Gesamtsystem später zuverlässig produziert und getestet?

Indem diese Fragen frühzeitig miteinander verknüpft werden, kann das Kunststoffbauteil von Anfang an rund um die gewünschte Funktionalität entwickelt werden. So wird verhindert, dass Elektronik, Design und Fertigung später noch aufeinander abgestimmt werden müssen.

Frühe Prototypen sollen das Gesamtsystem validieren

Bei intelligenten Produkten reicht ein Prototyp, der nur aus dem Gehäuse besteht, nicht aus. Ein Formmodell kann zwar viel über Ergonomie und Optik aussagen, sagt aber noch wenig über Signalqualität, Wärmeableitung, Lichtverteilung, Dichtheit oder die Zuverlässigkeit der integrierten Elektronik aus.

Die Validierung muss daher schrittweise aufgebaut werden. Zunächst wird die technische Funktionsweise einzelner Funktionen untersucht. Anschließend werden die kritischen Schnittstellen zwischen Kunststoff, Elektronik und Software getestet. Danach muss nachgewiesen werden, dass die ausgewählten Materialien und Fertigungstechniken die gleiche Funktionsweise auch reproduzierbar gewährleisten können.

Gerade in diesem letzten Schritt treten viele Risiken zutage. Ein Konzept kann im Labor gut funktionieren, sich aber beim Spritzgießen, bei der Montage oder bei den Endtests dennoch als instabil erweisen. Die frühzeitige Einbindung von Kunststofftechnik und Industrialisierung trägt dazu bei, den Übergang vom funktionierenden Prototyp zum zuverlässigen Serienprodukt beherrschbar zu gestalten.

Intelligenteres Entwerfen bedeutet ganzheitliches Entwerfen

Kunststoffteile werden immer intelligenter, da sich Funktionen zunehmend auf die Oberfläche und die Struktur des Produkts verlagern. Mechanik, Elektronik, Sensoren und Konnektivität laufen an der Stelle zusammen, an der das Produkt mit dem Nutzer und seiner Umgebung kommuniziert.

Diese Entwicklung bietet große Chancen. Produkte können kompakter, leichter, intuitiver und besser vernetzt werden. Gleichzeitig verschwinden die Grenzen zwischen den Disziplinen. Die Wahl des Materials oder der Geometrie kann direkten Einfluss auf die elektronische Leistung, Softwarefunktionen, die Fertigung und den digitalen Lebenszyklus haben.

Deshalb bringt PEZY Produktdesign, Kunststofftechnik, Elektronikintegration, Prototypenbau und Industrialisierung frühzeitig zusammen. Nicht, um so viel Technologie wie möglich in ein Kunststoffbauteil zu integrieren, sondern um die richtigen Funktionen in ein zuverlässiges, herstellbares und skalierbares Produkt umzusetzen.

Die Frage lautet also nicht nur, welche intelligenten Funktionen einem Produkt hinzugefügt werden können. Die wichtigere Frage ist, wie Kunststoff, Elektronik und Software von Anfang an als ein einziges System konzipiert werden können.

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